Mittagspause

Eigentlich ist es gerade halb sieben in der Früh, also kein unmittelbarer Anlass für eine Pause, aber sowie ich aufwache und nichts läuft, worauf ich mich konzentrieren kann, fangen meine Gedanken an wie kleine Pingpongbälle in einem hohlen Schädelknochen herumzuspringen, aufeinanderzuprallen und in unterschiedliche Richtungen weiter zu hüpfen. Manchmal verdichten sich all diese Bälle zu einer großen vibrierenden Masse, die den Knochen sogar zu sprengen drohen und dann ist es Zeit, ein paar von ihnen rauszulassen. Auf einem dieser Bälle stand soeben der Begriff Mittagspause und ich habe mich entschlossen, ihm kurz hinterherzulaufen.

Vor kurzem hat mir jemand erzählt (oder wars ein Radiointerview?, ich weiß nicht mehr genau), dass viele Menschen in ihren Jobs immer weniger oder gar keine Pausen mehr machen, weil es ihnen ihre Obrigkeit oder ihre eigene “Zeit” nicht erlaubt. Beides endet über kurz oder lang in einem mittlererweile sehr bekannten Produkt unserer Generation, von dem Medien oft direkt aber noch viel häufiger auch indirekt berichten. Viele Arbeitgeber haben es sich in Zeiten wie diesen, bzw eigentlich schon vorher und deshalb ist es zu Zeiten wie diesen gekommen, zur Angewohnheit gemacht, ihre Mitarbeiter nicht als Menschen, sondern als Kapital anzusehen, von dem sie in vollem Ausmaß Ressourcen abzapfen können, ganz nach Belieben, bis diese aufgebraucht sind.

Hier ist festzustellen, dass der Begriff Kapital auf einem eigenen Pingpongball steht, der zwar immer öfter mit der Mittagspause zusammenprallt, aber momentan nicht weiter verfolgt werden soll.

Wenn der Mitarbeiter-Mensch dann leer ist (denn was man nicht pflegt und instandhält, das wird kaputt), dann wird er einfach durch den nächsten ersetzt, denn in Zeiten des Wohlstandes hat es sich der Mensch zur Angewohnheit gemacht, Dinge nicht mehr zu reparieren, sondern sie wegzuwerfen und einfach neue zu kaufen, immerhin ist ja genug da. Dass diese Einstellung auf ihn selbst zurückfällt, das hätte er sich nicht gedacht. Simpsons-Nelson: HAHA!

Das Ganze geschieht aus einem bestimmten Grund: Obwohl der Mensch von allem viel zu viel besitzt und zur Verfügung hat, kann er von einem nie genug bekommen – Zeit. Denn egal wieviel er eigentlich hat, es ist immer zu wenig und mit dem Bisschen, das er hat, muss er seinen Geltungsdrang befriedigen, seinen äußerst wichtigen(!) Platz in der Welt vor allen anderen rechtfertigen und bei McDonalds Mittagessen.

Ich weiß nicht, wer sich noch daran erinnern kann, wie sich damals in der Schule Momo mit den Grauen Herren angelegt hat, die den Menschen glaubend gemacht haben, man müsse all die Zeit ansparen, die einem übrigbleibt und man müsse alles schneller und effizienter gestalten, um dann die gewonnene Zeit auf ein Konto einzahlen zu können (das im übrigen aber dann ohnehin von Grauen Herren geplündert wurde). An Details der Geschichte kann ich mich selbst leider nicht mehr erinnern, aber die Grundbotschaft, die ich damals interpretiert habe, ist noch vorhanden. An dieser Stelle fällt mir jetzt auch noch Heinrich Bölls Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral ein, aber das würde jetzt zu weit führen (wieder ein anderer Ball).

Aus Michael Endes Momo (genauer genommen aus dessen Buchumschlag):

“Eine gespenstische Gesellschaft “grauer Herren” ist am Werk und veranlasst immer mehr Menschen, Zeit zu sparen. Aber in Wirklichkeit betrügen sie die Menschen um diese ersparte Zeit. Doch Zeit ist Leben, und das Leben wohnt im Herzen. Je mehr die Menschen daran sparen, desto ärmer, hastiger und kälter wird ihr Dasein und desto fremder werden sie sich selbst. Die diese zunehmende Lieb- und Leblosigkeit am deutlichsten zu fühlen bekommen, sind die Kinder. Aber ihr Protest verhallt ungehört…”

Leider kommen auch Bücher und Geschichten durch die Einsparungen bei Pausen immer weniger zur Geltung und der Mensch ist dabei in einen Teufelskreis geraten, den er gegenwärtig gerne Weltwirtschaftskrise nennt, der sich auch gerne mit WEH-WEH-kA (von: AuWeh AuWeh und Keine Ahnung warum) abkürzen lässt. Er jammert und tut sich unendlich Leid und wenn man den Medien folgt, hat er trotzdem immer noch nicht begriffen, was eigentlich los ist (aber das ist schon wieder ein anderer Ball).

Aber man bekommt jetzt hoffentlich schon eine generelle Idee davon, welcher Mist in dieser Welt alleine dadurch passieren kann, wenn man keine Mittagspause macht.

Der Steinhauer

Es war einmal ein Steinhauer, der es leid war, in der brütendheißen Sonne Steine aus dem Berg zu hauen. “Es ist schrecklich mühselig, Steine zu hauen, und diese Sonne! Wie gern würde ich den Platz mit ihr dort oben am Himmel tauschen und so allmächtig sein wie sie”, sagte der Steinhauer laut zu sich. Auf wundersame Weise erfüllte sich sein Wunsch, und er wurde zur Sonne. Freudig sandte er seine Strahlen hinab, musste jedoch rasch erkennen, dass sie von den Wolken abprallten. “Was nutzt es, die Sonne zu sein, wenn die Wolken meine Strahlen aufzuhalten vermögen?”, klagte er. Und er wurde eine Wolke, flog über der Welt dahin, regnete auf sie hinab und wurde schließlich vom Wind zerfetzt und verweht. “Ah, der Wind kann also die Wolken verwehen, so muss er wohl das stärkste Element sein. Ich möchte der Wind sein.” Und er wurde zum Wind. Er wehte und blies und toste. Doch eines Tages verwehrte ihm eine hohe Wand den Weg. Es war ein Berg. “Was nutzt es, der Wind zu sein, wenn ein Berg mich aufhalten kann?” So wurde er ein Berg. Doch alsbald spürte er etwas an ihm hämmern. Es war ein Steinhauer. (Verfasser unbekannt)

zit. aus Birkenbihl, Vera: StoryPower, S.16, mvg-verlag 2001, 2.Auflage