Eine Liga für sich

James Cameron – Nur Geschichtenerzähler? Sicher nicht. Nur Technikfreak? Sicher auch nicht; aber ein Mann, der alles wagt, um seine Geschichte erzählen zu können – und so wie es scheint – der Einzige der weiß, wie weit die digitale Technik wirklich ist und was noch unternommen werden muss um sich über den Rest unausgegorener pseudoperfektionistischer Effektstangenware hinwegzusetzen; alles in allem ein Filmregisseur, der sein Publikum nicht nur kennt, sondern auch respektiert. Cameron nimmt sich nicht nur die Zeit, seine Vision bis ins allerletzte Detail zu durchdenken, er gibt seiner Geschichte auch die notwendige Zeit um sich voll entfalten zu können.

In der ersten Hälfte seines neuen Films Avatar blickt man wie durch ein Schaufenster in eine fremde, farbenprächtige Welt, fern der unsrigen. Ein kritischer Betrachter mag sich nach einer halben Stunde bereits fragen – aha – dies ist also die neue Tricktechnik, die Cameron entwickelt hat, worum geht es jetzt genau? Doch wie gesagt, Cameron lässt sich Zeit. Eine komplett digitale, fremde, von Grund auf neuerschaffene Welt braucht eine Weile, um erklärt zu werden – um verstanden zu werden – um empfunden zu werden. Während man anfangs noch von Detail zu Detail schweift und exakt kontrolliert, wie gut nun alles wirklich aussieht, beginn dieser Planet plötzlich, einen zu vereinnahmen. In jenem Moment, in dem sich Pandora (über den Namen lässt sich streiten) als ganzheitlich funktionierende, eigenständige und magische Welt offenbart, hat Cameron bereits vorgesorgt und seiner Geschichte die notwendigen Pfeiler gegeben.
Im Gegensatz zu Roland Emmerich, der die Menschheit immer als Opfer externer Mächte besessen ist zu schildern und der sich unlängst mit 2012 endgültig als intelligenter Geschichtenerzähler disqualifiziert hat, ist bei Avatar der Mensch die Bestie – und sicher nicht zu unrecht. Die aufgegriffenen Themen und Motive hat der Regisseur zwar nicht neu erfunden (Pocahontas lässt grüßen), aber es ist ja nicht Camerons Schuld, dass sich der Mensch in dieser Hinsicht in den letzten Tausenden von Jahren nicht weiterentwickelt hat.

In der zweiten Hälfte des Films herrscht Krieg. Die Menschen stürzen sich unter dem Kommando eines amerikanischen Klischeemilitärs wie die Wahnsinnigen auf die wertvollen Rohstoffe und scheren sich einen Dreck um die fremde Kultur. Lediglich eine Handvoll Wissenschaftler, die unter den Eingeborenen Omaticaya leben und sie studieren erkennen die tragischen Auswirkungen, die das menschliche Vorhaben mit sich bringen wird. Eine Schlacht unvorstellbaren Ausmaßes beginnt, die einen vergessen lässt, worauf man anfangs noch so penibel geachtet hat. Camerons filmisches und narratives Können sucht im neuen Jahrzehnt ihresgleichen. Die äußerst gelungene Verschmelzung von Story und Technik ist kein Ergebnis, das über Nacht erzielt worden ist. Schon vor Titanic kam dem Regisseur die Idee dazu und jeder andre hätte sich vermutlich mit dem CG-Standard der Jahrtausendwende zufriedengegeben.

James Cameron ist mit Sicherheit eine Liga für sich. Technikfreak – Perfektionist – Denker – Kreativer – und etwas, dass wenige Filmemacher vor allem in diesem Genre (eigentlich Genre-Mix) ohne schlechtes Gewissen von sich behaupten können – ein guter Geschichtenerzähler. Die Omaticaya sagen: „Ich sehe dich“; und meinen damit, dich voll und ganz zu erkennen – deinen Charakter, deine Werte, dein ganzes Sein. Cameron sieht sein Publikum und führt ihm vor, wozu der Mensch nach wie vor nicht im Stande ist, nämlich wirklich zu sehen.

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